KUNST IST MEIN KIND iespiedgrafika 2/21010

Jan Sobottka (catonbed.de): Uliane Borchert, 2006

KUNST IST MEIN KIND – 

ULIANE BORCHERT IN RIGA 

Diesen Sommer [2010] konnte man sich in Riga im Nationalen Kunstmuseum Lettlands und im Schwarzhäupterhaus die zwei Teile einer Ausstellung der Deutsch-Baltischen Künstlerfamilie Borchert anschauen. Die Werke der vier Generationen waren wie ein Streifzug durch die Kunstgeschichte des ganzen 20. Jahrhunderts. Denn die Borcherts waren und sind nicht nur Kunstpädagogen, wie Dr. Adelheid Krause-Pichler in dem kleinen Katalog zur Ausstellung schreibt, sondern alle selbst freischaffende Künstler. Was sie unterscheidet, ist der je eigene und unverwechselbare Stil.

Bernhard Christian Carl und Eva Margarete Borchert, die mit der Schau „Borcherts: Zwischen der Wirklichkeit und der Welt der Phantasien“ im Lettischen Nationalmuseum zu sehen waren, sind Rigaer Klassiker. In der großen Ausstellung der jüngeren, noch lebenden Generationen im Schwarzhäupterhaus fielen besonders die Bilder und Bücher der Enkelin Uliane Borchert auf, die wir hier nun unseren Lesern vorstellen möchten.

Uliane Borchert hat uns mit ihrem strahlenden, ja feurigen Wesen und allem, was ihre Hände gestaltet haben, überrascht. In jedem ihrer Werke sah man ihr Temperament, ihre Lebensweisheit und das für einen guten Kunstpädagogen so notwendige Charisma am Wirken. Zu jedem ihrer Werke hatte sie eine Geschichte, und jedes Thema offenbarte eine dahinterstehende philosophische Idee. Im Interview hat die Künstlerin das alles lebhaft und überzeugend dargelegt und künstlerische Grundsätze ausgesprochen, die so fest mit ihrem ganzen Leben und ihrer Weltanschauung verbunden sind, dass sie zusammen eine einheitliche Gesamtheit der KUNST bilden.

Ihre temperamentvollen Collagen aus gerissenem, geschnittenem und gezupften Papier, in den Grundfarben und hunderten von feinen Farbtönen, Linien, Konturen und Texturen so komponiert, dass sich jedes Detail in einer emotionell feinen Art auszeichnet und gleichzeitig alle Details einander ergänzen, formen eine derartig lebendige, vieldimensionale Gestaltwelt, dass sie wie ein Spiegel der Welt erscheinen.

Zu ihren Büchern gefragt, wie man solche erschaffen kann, antwortet die Künstlerin, das Entscheidende sei die Idee. Man muss eine Idee vom BUCH haben – dann kann man einen passenden Text suchen und über alles andere DENKEN! Es ist wichtig, eine angemessene, ideale Verkörperung der Idee zu finden. Man muss eine [Einheit von Inhalt und] Form erreichen, und zur Form gehört die gesamte Gestalt – das Format, das Papier, das Gewicht, der Umschlag, die Farbe usw., insbesondere aber auch die Schrift. Denn neben der traditionellen Auffassung, dass der Text den Leseinhalt darstellt, ist zu berücksichtigen, dass dieser visuelle Qualität hat, ja dass jeder Buchstabe auch ein Bild ist.  Austra Avotina

Uliane Borchert, geb. 02.07.1943 in Bütow/Bytów in Pommern, ist in Berlin aufgewachsen, wo sie auch lebt. Sie ist Enkelin des Malerehepaares Bernhard C.C. und Eva Margarete Borchert (geb. Schweinfurth) in Riga, und Tochter des Malers Bernhard W. Borchert jr., von 1952 bis zu seinem Tod 1972 Professor an der HfBK (heute UdK) Berlin. 1960 bis 1963 Buchbinderlehre mit Abschluss Gesellenbrief in Berlin. 1964 bis 1970 Studium an der Hochschule für Bildende Künste, Berlin: Freie Grafik (Friedrich Stabenau) und Malerei (Bernhard Dörries). 1970 Meisterschülerabschluss. 1971 bis 1983 Kunsterzieherin in heilpädagogischen Heimen des Berliner Senats. Seit 1983 freischaffende Künstlerin (Malerei, Grafik, Bühnenbild, Wand- u. Buchgestaltung). Seit 1981 Private Schüler und Unterricht zur Vorbereitung auf das Kunststudium im In- und Ausland. Von 2004 bis 2010 Inhaberin der Galerie Borchert + Schelenz in Berlin-Schöneberg. Uliane Borchert ist seit 2003 mit dem Buchbindermeister Thomas Schelenz verheiratet, der in 3. Generation die Buchbinderei Möller + Schelenz in Berlin führt.

I – IDEE – LUFT – ATMEN

Warum ist die Idee „Gelb“?

Gelb ist die Butter, der Honig, das Korn, der Mais, der Raps, das Öl und das Gelbe vom Ei. So viele wichtige, für uns lebensnotwendige Dinge der Natur sind gelb. Sie entstehen nicht ohne das Licht und die Wärme der Sonne. Sie liefert den Lebensfunken, ohne den nichts wachsen kann. So ist es auch im Geistigen. Die Ideen, die wir haben, kommen nicht allein aus uns selbst, sondern etwas in unserer Umgebung entzündet sie und läßt eine Vorstellung in uns reifen. Deshalb symbolisiert Gelb für mich am deutlichsten die Idee.

Was gefällt Ihnen in Ihrem Leben? Was ist das Wichtigste im Kunstunterricht? Und was meinen Sie, wenn Sie sagen – „die Tradition unserer Künstlerfamilie“?

Mein größtes Glück ist, dass ich es schaffe, meine Ideen in künstlerische Formen umzusetzen, und zwar so, dass ich die Realität nicht einfach widerspiegele, sondern durch Liebe, Humor und Schönheit eine utopische Differenz zum Bestehenden aufzeige. Ebenso wichtig für mich ist, dass ich mein Wissen an andere weitergeben kann, so wie ich es selbst in großzügiger Weise von meinen Lehrern erfahren habe. Zeichnen zu können ist Grundlage für die Malerei. Die Linie ist der Gerinnungsprozess der Persönlichkeit. Jeder hat seinen individuellen, unverwechselbaren Strich, der erkannt, gefördert und geschult werden muss. Wer sich heute für diesen Weg zur bildenden Kunst entscheidet, wird genauso gut zeichnen wie die Künstler vor 50 Jahren (und früher), nur eben anders. Er wird im 21. Jahrhundert stärker abstrahieren und andere Formen finden müssen, um sich zeitgemäß auszudrücken. Es macht mich überaus glücklich, den Erfolg meiner Schüler zu sehen. Daran hat sich in den dreissig Jahren, die ich unterrichte, nichts geändert. Die Auseinandersetzung mit jungen Menschen und neuen Strömungen in der Kunst hält mich in Bewegung. Gleichzeitig setze ich mit dem Unterricht die Tradition unserer Künstlerfamilie fort. Sowohl meine Großeltern Bernhard C.C. und Eva-Margarete Borchert in Riga als auch mein Vater Bernhard W. Borchert in Berlin haben zeit ihres Lebens an Kunsthochschulen und in ihren Ateliers die Grundlagen des Zeichnens und Malens vermittelt.

Wo finden Sie Ihre Ideen?

In der Beobachtung der Natur, im Zusammensein mit anderen Menschen und den Geschichten, die die von ihnen hervorgebrachten und sie umgebenden Dinge erzählen.

Was ist Italien für Sie?

Italien ist Natur, von Menschen kultivierte Landschaft, über 2000 Jahre Architektur- und Kunstgeschichte, die wie nirgends sonst nicht im Gegensatz zueinander stehen, sondern eine harmonische Einheit bilden. Wie für viele Künstler vor mir wurde Italien auch für mich das Land der Sehnsucht: Angeregt dazu hat mich mein wichtigster Lehrer Bernhard Dörries, indem er mir die Schönheit und die Techniken der frühen Renaissance-Malerei vermittelt und dadurch einen Kunstanspruch formuliert hat, dem ich mich bis heute verpflichtet fühle. Die Vielfalt und Individualität in den Ausdrucksweisen dieser Epoche habe ich dann auch auf meinen Reisen gefunden, besonders in der Toskana, wo das mediterrane Licht aus einem stets dunkelblauen Himmel eine ganz besondere Farbigkeit der Landschaft hervorbringt. Diese Erfahrung wurde zur Quelle der besonderen Farbkraft all meiner Werke.

II – FARBE – FREUDE FÜR DIE AUGEN

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, „Farbe ist ein Symbol“?

Es ist bekannt, dass die Menschen von ihren frühesten Anfängen an Farben nicht nur als solche wahrgenommen, sondern ihnen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben haben. Entgegen der physikalischen Farbtemperatur empfinden wir Blau immer als kühle und Rot stets als warme Farbe. Wir sind so programmiert und können nichts dagegen tun. Von dem sinnlichen Eindruck zu einer komplexen und differenzierten Zuordnung von Farben zu abstrakten Dingen, die an sich erstmal „farblos“ sind, ist es dann nicht mehr so weit. Die Liebe ist warm, ja sie ist sogar heiß – die Farbe Rot auch, also ist die Liebe rot. Diese Analogien wenden wir seit jeher sogar im religiösen und politischen Bereich an.

Als Maler wird man jedoch nicht eine so einfache Symbolik vertreten, die jeweils nur eine einzelne Farbe für sich gesondert betrachtet, sondern diese immer in ihrem Zusammenhang mit anderen Farben sehen. Rot verbrennt, wenn es nicht durch Blau gekühlt wird, so wie sich Feuer und Wasser einander bedingen. Gelb muß vorhanden sein, damit es die Natur erhält. Wenn aber einem Bild jedes Rot fehlt, bedeutet das einen Energieverlust. Mir ist es in meinen Bildern sehr wichtig, dass immer alle drei Grundfarben in ihren Variationen vertreten sind.

Warum ist Sonne = Rot?

Die Sonne als Urkraft des Lebens hat gleichzeitig ein zerstörerisches Potential wie jedes Feuer. Die Farbe Rot löst ebenfalls zwiespältige Gefühle aus, denn sie ist nicht nur warm und voller Temperament, sondern auch gewalttätig und zerstörerisch. Deshalb steht Rot für die Sonne.

Wie ist das mit dem Tastgefühl oder Tastsinn? Kann Farbe weich oder hart sein? Geschmack haben?

Was die Wahrnehmung von Farben betrifft, ist für mich von allen fünf Sinnen nur das Auge wichtig. Das Schwarz in der Pupille ist das Fenster zur Seele, das alle Farben in sich enthält und das Innen vom Außen trennt.

Warum ist Silber die höchste oder liebste Farbe?

Silber ist eigentlich keine Farbe, sondern ein Metall, dessen Farbcharakter sich der Maler bedient. Silber ist das kalte Licht des Mondes, der das Sonnenlicht spiegelt. Im blankpolierten Silber können wir uns selbst erkennen, aber auch in der Kommunikation mit anderen, die uns unser Verhalten zurückspiegeln. Ohne Menschen als Spiegel könnten wir uns nicht unserer selbst bewußt werden. In diesem Sinne setze ich Silber in der Malerei ein und schätze es sehr, weil ich die menschliche Selbstreflexion für unverzichtbar halte.

III – RISSE UND SCHNITTE – LEBEN

Welche Bedeutung hat das Papier und andere Materialien aus der Buchbinderei? Ist der Umgang – Reissen, Schneiden – nur technisch zu sehen oder auch symbolisch?

Schneiden, Reissen, Fetzen sind aggressive, aber kontrollierte und gesteuerte Techniken des Umgangs mit Papier. Sie entsprechen mir sehr, weil sie es ermöglichen, eine gestalterische Synthese aus graphischen Elementen (Papier) und malerischen Elementen (Farbe) herzustellen. Papier bringt außer Farbe und geraden Kanten vielfältig strukturierte Oberflächen und Materialeigenschaften mit, die malerisch nicht erzeugt werden könnten. Natürlich habe ich als gelernte Buchbinderin eine besonders intensive Beziehung zu Papier, doch seine Haptik, Labilität und Veränderbarkeit haben mich schon als Kind sehr fasziniert. Der Einsatz von Folien und ihre Kombination mit Malerei und Papierschnitt in den neueren Arbeiten erforderte die Entwicklung ganz neuer Methoden und hat einen noch stärkeren experimentellen Charakter.

IV WEISHEIT – EWIGER WERT

Warum ist Blau Weisheit? Wo finden Sie Ihre Weisheit? Haben Sie Autoritäten in der Kunst? Was sind diese Vorbilder für Sie? Warum gerade diese Künstler? Wie sehen Sie die Verbindung der verschiedenen Kunstepochen und die Einstellung zu ihnen heute? Ist das alles nur Postmoderne?

Die Weisheit behält immer einen kühlen Kopf, deshalb kann die kühle Farbe Blau für die Vernunft stehen. Kein Künstler erfindet die Kunst neu, sondern schöpft aus dem großen Fundus ihrer Geschichte. Auch wenn er meint, das, was schon da ist, ignorieren zu dürfen, wird er doch daran gemessen. Mir war immer bewusst, dass mir die großen Meister der Vergangenheit über die Schulter schauen und dass ich für meine Kunst verantwortlich bin.

Für mich besonders wichtig und inspirierend wurden vor allem zwei Epochen der Malerei: die Frührenaissance und der Expressionismus. Die Renaissance beendet das dunkle Mittelalter und löst in ihrer Anknüpfung an die nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches verlorene und nun wiederentdeckte Kultur der Antike einen unglaublichen Fortschritt in der Kunst aus. Sie ist nicht einfach nur Zitat, sondern der Neubeginn der europäischen Kunst und alle nachfolgenden Epochen stehen in ihrer Tradition. Der Expressionismus entdeckt für sich die außereuropäische und archaische Kunst als zusätzliche Quelle des eigenen Schaffens und erweitert so den Horizont der Künstler noch einmal. Die Postmoderne, die sich nur noch an den verschiedenen Epochen bedient, um einen Stilmix herzustellen, ist ein Rückschritt. Für mich wäre es der Tod der Kunst, wenn ich nichts Neues mehr entwickeln würde.

Mein erster Kontakt mit der Renaissance war eine Lucretia von Cranach, die meine Großmutter zur Zeit ihres Studiums kopiert hatte. Ich bin mit dem Bild groß geworden, das in der elterlichen Wohnung hing. Als es nach dem Tod meiner Eltern in den Besitz meiner Schwester kam, vermisste ich es so sehr, dass ich beschloss, mir meine eigene Lucretia zu malen, und zwar fünfmal so groß wie das Original! Es war jedoch keine getreue Kopie, sondern nur in Teilen altmeisterliches Eitempera, kombiniert mit einem sehr experimentellen Folienschnitt und der märtyrerhaften und zugleich schutzbedürftigen Farbe Rosa, mit der ich mich beschäftigt hatte.

Matisse wurde wegen seiner Abstraktion des Gegenständlichen und seiner Farbigkeit für mich sehr wichtig. Vielleicht mehr noch geprägt hat mich seine Auffassung von Kunst, die in all seinen Werken und Äußerungen eine nie versiegende Liebe zur Natur und den Menschen zum Ausdruck bringt. Mit Picasso verbindet mich die Bewegung, die immerwährende Bereitschaft zum Experiment. Insgesamt fühle ich mich dem Expressionismus nahe, weil ich selbst immer vom Gegenständlichen ausgehe und nach den Möglichkeiten der Abstraktion suche.

V BUCH – KONTEMPLATION

Was ist ein Buch in unserer Welt und was bedeutet es für Sie?

Trotz aller negativen Prophezeiungen wird das Buch mit der digitalen Revolution nicht verschwinden, sondern immer wertvoller werden. Zumindest dann, wenn es gut gemacht ist, davon bin ich als Buchbinderin überzeugt. Die Inhalte alter und kostbarer Bücher kann man scannen und als digitale Faksimiles ins Netz stellen, doch die handwerkliche Kunst, das haptische Element und den ästhetischen Reiz können nur die realen Buchobjekte vermitteln. Genau diese Eigenschaften machen für mich das Buch als Bildträger ebenso attraktiv wie eine Leinwand. Es bietet mir sogar noch mehr schöpferische Möglichkeiten, weil ich verschiedene Techniken des Druckes, des Faltens, Bindens und der Präsentation vereinen kann. Vor allem aber ist es für mich der bevorzugte Ort, wenn ich nicht nur mit Bild, sondern auch mit Text arbeiten will.

Doch es stimmt für mich eigentlich nicht, getrennt von Text und Bild zu sprechen, da für mich beides – wie die zwei Seiten einer Münze – nur verschiedene Erscheinungsweisen ein und derselben Sache sind. Die Sache ist der Inhalt des Buches, der sich sowohl als bildhaftes Zeichen als auch als zeichenhaftes Bild zeigt, wobei sich beide bedingen und so weit einander annähern können, dass sie nicht zu unterscheiden sind. Ich entwickle oft meine eigenen Schriften, und zwar so, dass die Buchstaben sich der Choreographie des Ganzen fügen.

VI BUCHSTABE ALS BILD (BILD-UNG)

Hier möchte ich Petra Coronato antworten lassen: „Die Frage nach der Herkunft des Menschen haben sich nicht erst die antiken Historiker, sondern schon frühe Mythen gestellt. Heute wissen wir darüber viel und zugleich wenig, weil alle Anhäufung von Daten und Theorien das Phänomen nicht begründen können. Als gesichert darf immerhin gelten, dass der Urmensch die Kunst vor dem Krieg erfunden hat und in bewundernswerter Weise zeichnete, malte und modellierte, lange bevor ihm einfiel, er könne Mord und Totschlag professionell und im großen Stil betreiben. Der Drang und die Geschicklichkeit zum bildnerischen Schaffen treten so rasch und ohne eine erkennbare vorangegangene Entwicklung auf, wie Jahrtausende später die Erfindung der Schrift plötzlich einfach da zu sein scheint, um die Vorgeschichte der Menschheit zu beenden und die Existenz der ersten Hochkultur zu belegen.

Die ägyptischen Hieroglyphen sind keine Buchstaben, sondern bezeichnen das Gemeinte mit einem vereinfachten Bild, ähnlich wie heute noch die Piktogramme. Dennoch kommt ihnen zugleich ein gewisser Lautwert zu, der den Konsonan­tenbestand des Wortes um­fasst. Dadurch entsteht (wie beim Rebus-Rätsel) die Situation, dass die Bildzeichen nicht den Gegenstand, sondern das Wort darstellen, die zu neuen Wörtern kombinierbar sind, auch solchen, die sich bildlich gar nicht darstellen lassen. Dazu genügt eine begrenzte Anzahl von Zeichen, anders als etwa im Chinesischen, wo jeder Begriff durch ein eigenes Zei­chen geschrieben wird. Ob aber nun diese oder eine Schrift wie die unsrige, bei der jeder Buchstabe einem Laut entspricht, Tatsache ist, dass alle Schriften ihren Bildcharakter verloren und sich zu abstrakten Zeichensystemen entwickelt haben, die nur indirekt für das Bezeichnete stehen, indem sie das Bezeichnende, also Sprache repräsentieren. Seitdem betrachten wir ein Bild und lesen einen Text.

Vor diesem Hintergrund sind die neuesten Ergebnisse der Kommunikationsforschung zu sehen, die zeigen, wie die Wahrnehmung von Texten und Bildern nicht länger zwei ganz verschiedene Vorgänge sind, sondern sich unter dem Einfluss der Neuen Medien (wieder) einander stark annähern. Das bedeutet, Bild und Text werden in Zukunft verstärkt gemeinsam und in neuartigen Verbindungen auftreten. Es genügt nicht mehr, dass Bilder Texte illustrieren und Texte Bilder erläutern. Das Ganze muss mehr sein als die Summe seiner Teile, auch wenn es unbeholfen als „Bild-Text-Konglomerate“ bezeichnet wird, weil ein Begriff für das Neue noch fehlt. Da geht es den Medienwissenschaften wie der Kunstgeschichte, die seit dem Dadaismus immer von „Bild-Text-Collagen“ spricht. Die Aufgabe wird erschwert durch eine Sprachverwirrung, zu der literarische Bewegungen wie Konkrete, Visuelle und Optische Poesie, Lettrismus und Experimentelle Typographie beigetragen haben, denen allen gemeinsam ist, dass sie ihre „Wortbilder“ nur aus Schriftzeichen herstellen und kein Bildmaterial verwenden. Sie werden uns bald einseitig und altmodisch vorkommen. Jung hingegen ist, wie unbekümmert Uliane Borchert die Grenzen des Textes überschreitet, indem sie die vorgefundene Schrift bildhaft macht und zugleich ihren Bildern Schriftcharakter gibt. Auch wir haben keinen Namen für die daraus entstehende Einheit, doch wir finden sie zukunftsweisend.“

Petra Coronato als Herausgeberin in: Uliane Borchert: Kurt Schwitters: Banalitäten aus dem Chinesischen. Art Diorama Nr. 1, Berlin 2010.

VI – TRAUM – HERZ – LIEBE, FREUDE – EINE ROLLE OHNE ENDE

An was (oder wen) glauben Sie? Von was träumen Sie?

Ich glaube, dass die Kunst nicht nur eine subjektive Angelegenheit ist, sondern dass es objektive Kriterien gibt, die im Wandel der kunstgeschichtlichen Epochen gültig bleiben und die vermittelbar sind. Jedem Werk ist ablesbar, ob es authentisch ist, mit dem Herzen gesehen und handwerklich gekonnt. „Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt“, sagt Picasso, doch es gilt auch, dass uns ein Werk nicht täuschen kann.

Ich träume davon, dass jeder Mensch seine Fähigkeiten entwickeln kann und gefördert wird. Dass niemand in Dunkelheit und Unfreiheit verharren muss. Dass die Kriege und die Gewalt aufhören. Dass die Menschheit sich über das Unmenschliche erhebt und sich auf ihre göttliche Bestimmung besinnt.

Das Gespräch führte Austra Avotina für iespied grafika.

Bücher von Uliane Borchert (Auswahl)

Uliane Borchert: Kurt Schwitters: Banalitäten aus dem Chinesischen. Art Diorama Nr. 1, herausgegeben von Petra Coronato, 2010. Ein 5,80 m langes Leporello, Fine Art Print auf 350 g/m² Leinwand. Weisser Leineneinband in schwarzer Leinenkassette. Auflage 12 numerierte und signierte Exemplare.

– Uliane Borchert: Die Schöpfung – Das Buch, die Idee als Idee im Buch. Edition Wasser im Turm (Verleger Cornelius H. Brändle, 1999. 7-Farben Siebdruck-Verfahren, japanische Bindung im festen Deckel mit Metallspirale in schwarzer Leinenkassette. Limitierte Auflage 50 Exemplare. (Buch zum Bild „Die Schöpfung“, 7-Farben Siebdruck, 90 x 130 cm, Berlin 1999.)

– Uliane Borchert: Liebesgedichte von Else Lasker-Schüler. 7-farbiger Siebdruck, japanische Bindung im Schuber. 39  x 104 cm (aufgeklappt). Edition Gutsch, Berlin 1985.

– Uliane Borchert: DAS MÄRCHEN VON DER BLUME (Autor: Ronald M. Schernikau). Handsiebdruck, 4 farbig, Japanische Bindung mit Faden im festen Deckel. Berlin 1990. 45 x 70 cm. 100 Exemplare, numeriert und signiert.


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